Lebensordnung – Was beachtet wird, das wächst

„Deine ehemalige Nachbarin hat sich beklagt, dass du sie schon lange nicht mehr besucht hast. Gehst du nicht gerne ins Altersheim“? fragt Gerda ihre Mutter Katharina. „Nein das ist es nicht. Ich mag nur ihre ausführlichen Erzählungen über ihre Diabetes und ihre sonstigen Krankheiten nicht“, erklärt Katharina. „Aber das hatte sie doch schon immer. Warum stört es dich nun so sehr“, will Gerda wissen. Ich glaube es ist das Bewusstsein, dass alles an was wir denken immer mehr wächst und so habe ich bei meinem Besuch den Eindruck, dass sich ihr Leiden noch verstärkt, weil sie doch die ganze Zeit nur davon spricht“. „Kannst du sie nicht ablenken“? will Luca, der aufmerksam zugehört hat, wissen. „Ich habe schon alles Mögliche versucht, aber ausser ihren Krankheiten interessiert sie nichts“, sagt Katharina. „Ich bin auch viel interessanter, wenn ich krank bin“, sagt Luca. „Wie kommst du denn darauf“, staunen Gerda und Katharina. „Ich bekomme nie so viel Aufmerksamkeit, wie wenn ich krank oder verunfallt bin“, sagt Luca. „Ich werde verwöhnt und alle kümmern sich um mich. Wenn ich aber mal im Garten mit meinen Kollegen Fussball spiele, kommst du Mami angerannt, aus Angst um deine Blumen. Meine Freude, mein Spass beim Spielen sind dir egal“. „Wie recht du hast“, meint Gerda. „Dank meiner Nachbarin ist uns das bewusst geworden. Ich werde sie besuchen und ihr von Lucas Erfahrung erzählen. Das lenkt sie bestimmt von ihren Leiden ab“, schmunzelt Katharina.

 Erfahrungen prägen

Kinder lernen mehr über das was sie erfahren, als über das was wir ihnen erzählen. Ein Kind das viel Aufmerksamkeit bekommt, wenn es sich weh tut oder wenn es krank ist, bekommt die Botschaft: Jetzt bist du wichtig, jetzt, wenn es dir schlecht geht, kümmere ich mich um dich. Solche Botschaften, man nennt sie auch die nicht ausgesprochenen, sind sehr wirkungsvoll und können einen Menschen ein ganzes Leben begleiten. Wenn sie nie bewusst gemacht werden, haben sie eine grosse Macht und verführen immer wieder dazu sich klein und schwach zu machen, statt aktiv und freudvoll die eigene Heilung in die Hand zu nehmen.

Wer Kinder zwar versorgt und ihnen gibt was sie brauchen, wenn sie krank sind und ihnen aber auch viel Anerkennung und Zuneigung gibt, wenn sie sich kindgemäss laut und freudig verhalten, der gibt die Botschaft, dass es gut ist voller Freude und Ausgelassenheit zu leben. Wer als Kind solche Botschaften bekommt, wird sich auch im Alter von den Gebresten nicht auffressen lassen, sondern kann geniessen was Schönes bleibt. Hier machen Besuche Freude, weil das Beachten des Schönen im Leben durch den Austausch wächst.