Eine alte Nutzpflanze wird als Delikatesse entdeckt

«Sie ist überall und wartet….», sagt Doris Abt aus Oetwil am See, «man muss sie nur ernten und nutzen. Doch nur wenige wagen sich an sie heran, weil sie ‹beisst›. Dabei braucht es so wenig, damit man das Wunder ‹Brennnessel› nutzen kann.»

S10_11_DSC04493  Jedes Frühjahr aufs Neue wird die Brennnessel mit Handschuhen und Spaten als Unkraut aus dem Garten verbannt. «Wir kaufen uns im Fachhandel sogenannt wertvolle Lebensmittel mit vielen Aminosäuren, Vitaminen, Mineralstoffen und hohen Anteilen an ungesättigten Fettsäuren, wie zum Beispiel Chia-Samen», sagt die zweifache Mutter aus dem Zürcher Oberland, «parallel dazu reissen wir eine so hochwertige einheimische Pflanze aus, und dies nur, weil wir deren Qualitäten nicht kennen und vor allem nicht zu nutzen wissen. Wer sich aber die Mühe macht, sie zu entdecken wird von ihr fasziniert und vor allem erstaunt sein, was sie alles zu bieten hat.»

Das klingt wie eine Liebeserklärung…
Ist es auch irgendwie (lacht). Die Brennnessel ist «schaurig» spannend. Ich habe mich auf sie eingelassen, nun lässt sie mich nicht mehr los.

Warum?
Weil diese Pflanze so vielseitig bezüglich ihrer Inhaltsstoffe und ihrer Wirkungsweise ist. Sie ist nicht nur eine geniale Heilpflanze, sie ist Gemüse, Tee, Salat – alles in einem. Sie kann als Düngemittel eingesetzt werden und bei den Tieren als wertvolle stärkende Futterpflanze. Sie ist für mich eine verkannt «Zauberpflanze».

Liebe geht durch den Magen… … bei der Brennnessel auch.

Wie denn?
Die Brennnessel eignet sich zum Garnieren und Dekorieren, als Gewürz und als Gemüse oder Salat zum Essen. Kochen Sie auch mit der Brennnessel Absolut. Ich verwende sie gerne als Gemüse, anstelle oder zusammen mit Spinat. Oder ich gebe Brennnesselsamen ins Essen. Diese sind reich an ungesättigten Fettsäuren. Auch hole ich mir jeweils für den Salat ein paar Blätter frisch aus dem Garten.

Keine Angst, dass Sie sich dann die Zunge verbrennen?S10_11_Brennnessel Ernte
Nein, gar nicht. Man muss nur wissen, wie man die Brennnessel behandelt.

Wie verliert sie ihre «Bissigkeit»?
Durch Öl. Die Blätter kurz mit Speiseöl bepinseln und die Brennhaare verlieren sofort ihre Wirkung. Man kann die Härchen auch mit dem Wallholz brechen: einfach drüber wallen, fertig. Wieder andere legen die Pflanze in ein Tuch und kneten sie sorgfältig durch. Auch getrocknet oder durch das Kochen verliert die Brennnessel ihre «beissende» Wirkung. Und wer sie beim Ernten dennoch zu spüren kriegt, legt einfach ein Blatt Spitzwegerich auf die brennende Stelle – und hat wieder Ruhe.

Und wie ernten Sie die Brennnessel?
Grundsätzlich empfiehlt man, immer nur die obersten drei Blattpaare zu ernten. Diese frischen Triebe sind zugleich auch die zartesten. Nie zu tief schneiden, auch eine Brennnesselpflanze kann vernichtet werden, und zwar schneller als man denkt.

Brennnesseln gelten als wucherndes Unkraut?
Das ist falsch! Die Brennnessel ist sehr zart und rasch von ihrem Standort vertrieben. Ein paar Mal kräftig ausreissen oder mit dem Rasenmäher darüberfahren… und die Brennnesseln sind weg. Sie ist weitaus «schwächer» als manches Gras. Man kann sie nicht einfach irgendwo anpflanzen. Sie liest sich ihren Platz selber aus. Wer sie im Garten hat, sollte sich dankbar zeigen und sie mit Sorgfalt ernten. Die Brennnessel ist ein so vielseitiges Kraut für Mensch und Tier, prallvoll mit gesunden Nährstoffen, viel Eiweiss, Vitaminen, konzentrierten Mineralstoffen wie Eisen, Kalium, Kalzium und Antioxidantien.

Und das nutzen Sie?
Als mein Sohn drei Jahre alt war, litt er unter starkem Eisenmangel. Er ging oft ganz allein mit einem Körbli in den Garten und erntete die Brennnesseln. Dann haben wir sie in den Salat geschnitten, gekocht, als Tee aufgebrüht oder die Brennnesselsamen über ein Butterbrot gestreut und zum Zvieri gegessen. Intuitiv spürte er, dass diese Pflanze ihm gut tat; er verlangte geradezu danach. Sein Eisenmangelanämie ist heute Vergangenheit, aber er isst heute noch sehr gerne Brennnesseln, verlangt jedoch nicht mehr aktiv danach.

Mag er auch Gemüse?
Also Spinat isst er gar nicht!

Warum ist diese Wildpflanze so in Vergessenheit geraten?
Bis zum zweiten Weltkrieg wurde die Pflanze hierzulande noch sehr aktiv genutzt. Als Kraut, als Dünger, als Faserpflanze, als Heilpflanze und als Gemüse. Dann kamen die Jahre des Aufschwungs und im Handel gab es eine Fülle von anderen Produkten. Und weil die Brennnessel damals in Verruf stand, ein Arme-Leute-Essen zu sein, wurde ihr einfach keine Beachtung mehr geschenkt.

Gesundheit
Die Brennnessel ist nicht nur aromatisch überzeugend, sie ist auch gesund. Reich an Eiweiss, Vitaminen und Mineralien enthält sie fünf Mal mehr Calcium als Milch, sechs Mal mehr Vitamin C als Orangen und doppelt so viel Eisen wie Spinat. Die Samen sind so reich an wertvollen Inhaltsstoffen wie Leinsamen oder die aus Südamerika importierten Chia-Samen. Wenn es so etwas wie Power-Food gibt, gehört die Brennnessel definitiv in diese Kategorie.

En Guete mit Brennnesseln!
Grundsätzlich können die Blätter wie Spinat verwendet werden. Als gekochtes Gemüse mit etwas Öl und Salz, frisch im Spätzliteig, in Gratins oder auf der Pizza.

Pesto ist eine weitere einfache Variante, die nahrhafte Pflanze zu verarbeiten. Dies ist auch gut möglich mit den frischen Brennnesselsamen (2 Handvoll Brennnesselsamen mit zwei bis drei Löffeln Olivenöl und Zitronensaft mischen).

Wer Smoothies mag, hat eine grosse Fülle von Möglichkeiten. Sie lässt sich ideal mischen mit Äpfeln, Mango, Kiwi, Bananen… die Inhaltsstoffe bleiben in roher Form sehr gut erhalten.

S10_11_Doris Abt