Gegen jedes «Wehwehchen» ist ein Kraut gewachsen

Was lange Zeit unbeachtet und unerkannt am Wegrand wuchs, in den Gärten ausgerissen und kompostiert wurde, ist in der Medizin wieder gross im Kommen. Und es gibt sie wieder, die Kräuterhexen. Sechs von ihnen gewähren uns Einblick in diese wundersame Welt und lassen uns teilhaben am Alltagswissen von einst. Die traditionelle europäische Kräutermedizin, die auch Sebastian Kneipp mit Sorgfalt in seinen Schriften zusammengetragen und öffentlich gemacht hat, ist wie ein verborgener Schatz, der noch lange nicht vollständig gehoben ist.
Lotty Wohlwend

Kräuterhexen

Kräuterhexen hatten es im Mittelalter oft sehr schwer. Ihre Hilfe mittels Rat und Kräutern wurde zwar sehr geschätzt, trotzdem waren sie in der Bevölkerung gefürchtet, waren nicht ganz geheuer. Deshalb lebten sie auch nicht in den Dörfern, sondern häufig ausserhalb, in der Nähe der Wildnis. Hexen wurden bereits im Altertum verfolgt, wobei der Begriff Hexe erst ab dem 15. Jahrhundert verwendet wurde. In den letzten zehn Jahren hat sich der Begriff «Kräuterhexe» schon fast zu einem Ehrentitel entwickelt. Man weiss, dass die Kräuterfrauen, selbstverständlich sind damit auch Kräutermänner gemeint, über Kräuter und deren Verwendung ein enorm wertvolles Wissen haben.

Giersch, das Wahnsinnskraut

Mein Un-Kraut-Favorit ist der Giersch, auch Baumtropf genannt. Statt sich über ihn aufzuregen, sollte man ihn besser essen!

Wo findet man ihn?
Zumeist in Gärten, in der Nähe von schattig-feuchten Gebüschen, an Wald- und Heckenrändern, aber auch in lichten Laubwäldern.

Worauf achten Sie bei der Ernte?
Sein Erkennungsmerkmal sind die dreigeteilten Blätter mit wiederum dreigeteilten Einzelblättern, dem gefiederten Blattlaub und vor allem der petersilienartige Geruch. Giersch breitet sich meist grossflächig aus.

Kann man Giersch auch im Handel erwerben?
Kaum, man findet ihn aber in Kräutertees zur Entschlackung. Das Angebot zu seiner Bekämpfung ist leider weitaus grösser!

Wie lagern Sie ihn?
Mein Tipp: Pflücken und gleichentags essen. So bleibt die volle Kraft erhalten. Für den Verzehr nach der Erntezeit ab September empfehle ich Giersch-Eiswürfel.

Wofür eignet sich Giersch?
Als Vitalstoff-Powerpaket, alleine oder zusammen mit anderen Wildkräutern, besonders in Salat und Suppe, als Beigabe zu Gemüse, als Kräuterbutteraufstrich und in Kräutersalz. Er schmeckt wunderbar als Bowle oder in den klassischen Smoothies. Giersch ist nicht nur gesund, sondern schmeckt hervorragend und gibt den Speisen eine würzige Note.

Was wissen Sie über die Heilkraft der Pflanze?
Diese Wildpflanze wird auch Zipperleinkraut genannt und eignet sich zur Linderung von Schmerzen bei Rheuma, Gicht, Arthritis. Giersch in Verbindung mit Brennnesseln soll die Beschwerden der Frühjahrsmüdigkeit lindern. Giersch wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend, krampflösend, antibakteriell, entgiftend, blutreinigend, entwässernd.

Also ein Allerwelts-Heilkraut?
Ja, unbedingt, und von den meisten verkannt! Ich verwende Giersch vor allem äusserlich gerne als Auflage und als Salbe. Und im Garten dient er zusammen mit der Brennnessel als wertvoller Dünger.

Blacke – die grosse Unbekannte

Ihre Unbeliebtheit auf dem Acker hat sie im wahrsten Sinne des Wortes zum Unkraut werden und in Vergessenheit geraten lassen. Weder die Literatur noch «Herr Google» wissen da mehr.

Wo finden Sie Blacken?
Die Blacke, auch Stumpfampfer genannt, findet sich auf jeder Fettwiese, im Flachland wie in den Alpen und vor allem auch um die Ställe herum, wo sich sehr viel Stickstoff im Boden befindet. Es ist das Kraut, das der Bauer mit viel Gift versucht auszurotten.

Auf was achten Sie bei der Ernte?
Direkt frisch von der Wiese.

Kann man die Blacke auch im Handel erwerben?
Nein.

Wie lagern Sie Blacken?
Ich kann die Blacke in Öl ausziehen und habe sie so als Grundlage zur Weiterverarbeitung immer an Lager. Sie ist als getrocknete Droge, ausgenommen die getrockneten Samen, nicht mehr brauchbar. Die Blacke ist ein tolles Notfallkraut.

Wie setzen Sie die Blacke ein?
Die Blacke wird da eingesetzt, wo Kälte erforderlich ist. Sei es um Hitze abzuleiten, einen Sonnenbrand zu kühlen, Blasen an den Füssen zu verhindern, Hämatome zum Verschwinden zu bringen, Juckreiz zu lindern und, um die Waden gewickelt, Fieber zu senken. Man hat auf einer Wanderung in den Bergen nicht unbedingt Kneippsocken dabei, also muss man erfinderisch werden. Die Blacke eignet sich auch, um ein Wasserknie zu behandeln. Sie ist ein pflanzlicher Eisbeutel mit Zusatzwirkung. Viele Bauern brauchen Blätterauszüge gegen Euterentzündungen bei den Kühen. Diese Methode funktioniert übrigens auch bei einer Brustentzündung bei stillenden Frauen. Früher, noch vor der Zeit des Autos und des Kühlschranks, banden die Sennen Blackenblätter um Käse und Butter, um diese für den Transport ins Tal zu kühlen. Tee aus ihren Samen gebraut, stillt starken Durchfall, derjenige aus jungen Pflanzen treibt die Verstopfung. Ein Auszug aus ihren Wurzeln hingegen wärmt ausgekühlte Körperteile.

Kann man Blacken auch essen?
Ja, in den Büchern von Gisula Tscharner kann man Rezepte dazu finden. Früher wurde sie milchsauer eingemacht wie Kohl, oder man kochte sie zu einer nahrhaften Schweinebrühe.

Die Kraft der Gundelrebe

Früher habe ich mich geärgert, dass die Gundelrebe Ausläufer macht und wuchert. Heute liebe ich dieses Kräutlein heiss.

Wo finden Sie die Gundelrebe?
Bei mir daheim, rund ums Haus herum.

Auf was achten Sie bei der Ernte?
Ich ernte gesunde, grüne Pflanzen, mit Vorzug in blühendem Zustand.

Kann man Gundelrebe auch im Handel erwerben?
Ja, sie ist in gut sortierten Apotheken und Drogerien erhältlich.

Wie und wo lagern Sie die Pflanze?
Die Gundelrebe verwende ich frisch in der Küche und getrocknet für Tee, Mazerate und Tinkturen.

Wofür eignet sich diese Wildpflanze?
Die Gundelrebe hat eine stoffwechselanregende Wirkung. Eignet sich also hervorragend für Tee und Teemischungen, da sie einen angenehmen Geschmack hat. Sie eignet sich auch als Massageöl, da sie auf das Gewebe und die Muskulatur zusammenziehend wirkt. Ich verwende sie ebenfalls gerne zur Lippenpflege gegen Herpes, weil sie wundheilend ist, besonders bei eiternden Wunden.

Das heisst, man kann die Gundelrebe essen?
Ja, die Pflanze hat einen sehr speziellen, lieblichen Geschmack und lässt sich deshalb sehr gut auch für Dessertspeisen einsetzen. Sie eignet sich auch gut als Suppenbeilage, zu Quark und Kräutersaucen, ebenso zum Verfeinern von Limonaden.

Die Brennnessel, der Superfood

Die Begeisterung lässt nicht nach. Mehr per Zufall entdeckte Doris Abt die Brennnessel und ist seither von ihrer unglaublichen Vielseitigkeit fasziniert.

Wo finden Sie Brennnesseln?
Nachdem ich ihren Wert erkannt habe, lasse ich ihr genügend Platz im Garten und habe sie stets griffbereit.

Worauf achten Sie bei der Ernte?
Ich nehme nur die oberen drei bis vier Blattpaare. Wie immer beim Wildpflanzensammeln lasse ich mindestens 1/3 des Bestandes stehen. So kann ich später im Sommer zusätzlich noch die Samen der Pflanze ernten. Handschuhe, eine Schere und ein Korb – und das Ernten kann beginnen.

Kann man Brennnesseln kaufen?
Ja, getrocknete oder in Form von Samen zum Beispiel im Bioladen. Oder in Pulverform auch in der Drogerie.

Wie lagern Sie die Pflanze?
Die frische Pflanze ist immer am reichsten an Inhaltsstoffen. Grundsätzlich lässt sie sich unkompliziert trocknen, einfrieren oder ein paar Tage im Kühlschrank aufbewahren. Die Samen können frisch, getrocknet oder geröstet gegessen werden. Bleiben wir beim Essen… Brennnesseln schmecken vorzüglich und sind in der Küche unglaublich vielseitig.

Zum Beispiel?
Als Saft, pur oder gemischt mit Apfelsaft, oder in einem Smoothie. Beliebt sind Brennnesselchips aus dem Ofen oder als Hauptgericht Brennnessel-Spätzli oder Quiche. Sie ist gesund als gedämpftes Gemüse oder verarbeitet zu Suppe und Pesto. Soeben haben wir das erste Brennnesselbier gebraut. Wir waren überrascht vom mild-würzigen Geschmack.

Und rund um die Gesundheit?
Sie ist reich an Mineralstoffen und pflanzlichen Proteinen. Sie verfügt über Vitamin A, B, E und D, Calcium, Eisen und Antioxidantien. Sie ist blut- und milchbildend und wird deshalb auch gerne nach der Geburt verwendet. Im Frühling hilft die Brennnessel zu entschlacken und im Herbst stärkt sie unser Immunsystem. Optimal unterstützen Brennnessel- Frischpresssäfte oder -tee den Stoffwechselprozess. Der Brennnesselspinat wirkt zudem schmerzstillend und entzündungshemmend.

Wird die Brennnessel vor allem gegessen?
Ja. Eine Studie zeigt, dass ihre entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften auch bei rheumatologischer Arthritis wirkungsvoll genutzt werden können. So konnte bei gleichzeitiger Einnahme von 50 Gramm gedämpften Brennnesseln die tägliche Arzneimitteldosis des Wirkstoffes Diclofenac (enthalten z.B. in gängigen Schmerzmitteln) auf einen Viertel reduziert werden.

Beifuss – fast vergessen

Der Beifuss war einst das wichtigste Heilkraut auf der nördlichen Halbkugel. Die Mutter aller Heilkräuter – der Beifuss – ist heute nahezu in Vergessenheit geraten.

Wo finden Sie Beifuss?
An Geröllhalden, auf Brachland und überall dort, wo etwas Neues am Entstehen ist. Manchmal findet man ihn auch am Waldrand, wenn neu aufgeforstet wird, oder an jenen Stellen, wo ein Bachbett reguliert wird oder ein Bergrutsch stattfand. Der Beifuss braucht nicht viel Erde.

Worauf achten Sie bei der Ernte?
Es kommt darauf an, wie ich dieses Kraut einsetzen will. Wenn ich weniger Bitterstoffe möchte, ernte ich die Blätter vor der Blüte, dann ist das Bittere, das in dieser Pflanze enthalten ist, etwas subtiler, sanfter. Wenn ich jedoch Magen und Darm und damit die Leber und Galle anregen möchte, dann verwende ich auch die Blüte.

Kann man Beifuss auch kaufen?
Ja, er ist oft in Tinkturen aus Apotheken und Drogerien enthalten. Es gibt ihn auch in getrockneter oder pulverisierter Form.

Wie und wo lagern Sie Beifuss?
Das getrocknete Kraut lagere ich trocken, kühl, bei gleichbleibender Temperatur, und dunkel. Am besten in Stoffsäcken, die ich zusätzlich noch in Kartonschachteln lege. Ideal lässt sich der Beifuss auch als Tinktur konservieren.

Wozu eignet sich der Beifuss?
Diese unscheinbare Pflanze lässt sich sehr vielseitig einsetzen: bei Magen-Darm-Beschwerden, zur Unterstützung von Leber und Galle. Man sagt, der Beifuss löse stagnierende Prozesse, bringe Bewegung und sei wärmend. Beifuss wird gerne auch Kindern und Jugendlichen gegeben, die nicht mehr «weiterkommen». Ebenso ist der Beifuss eine berühmte «Frauenpflanze»; er lindert Menstruationsbeschwerden, beeinflusst Hormone und Nerven und wirkt reinigend. Er eignet sich sehr gut für warme Fussbäder bei Schlaflosigkeit wegen kalten Füssen, als Voll- und Teilbad bei innerer Kälte und Verkrampfung, als Tinktur für müde Füsse, bei Muskelkater und Neuralgien und als Ölauszug bei Muskelverspannungen, Menstruationskrämpfen, Rheuma und Arthrose. Beifuss kann auch zum Räuchern sehr gut eingesetzt werden.

Kann man Beifuss auch essen?
Ja, da er sehr unterstützend ist für Magen und Darm. Deshalb eignet er sich sehr gut in Kombination mit fetten Speisen. Er wird aber wegen des bitteren Geschmacks bei uns sehr selten verwendet.

Die Nachtkerze – genial für Kinder

Geht hinaus ins Freie, öffnet eure Augen, esst frisch, was ihr erkennt. Wenn wir entdecken, dass Pflanzen auch da sind, um uns zu helfen, dann lernen wir eine neue Welt kennen.

Zum Beispiel die Nachtkerze?
Genau! Man findet sie überall in der Natur, wo karge Böden sind: an Strassenrändern, Wegrändern, Autobahnen, in Kiesgruben, naturbelassenen Landschaften und im Garten. Nachtkerzen brauchen wenig Erde, sind bescheiden und vermehren sich gut. Sie blühen erst im zweiten Jahr und werden deshalb häufig im ersten Jahr, mit dem Löwenzahn verwechselt.

Auf was achten Sie bei der Ernte?
Einfach nur die Blüten und Blätter abzupfen. Natürlich nur an Orten, wo nicht gedüngt wurde.

Kann man Nachtkerze auch im Handel erwerben?
Ja, vor allem als Kapseln sind sie sehr bekannt.

Wie und wo lagern Sie die Nachtkerze?
Ich trockne immer in Körbchen, damit auch von unten Luft an die Pflanze kommen kann. Ein Körbchen mit einem Baumwoll- oder Leinentuch auslegen und die Pflanzen hineinlegen – Blätter und Blüten. Die Trocknung braucht ca. 1 Woche, anschliessend in Gläser mit Gummiverschluss füllen, trocken und kühl lagern.

Wo setzen Sie die Nachtkerze ein?
Die Nachtkerze ist ein wichtiges Heilmittel! Aussergewöhnlich gute Erfahrungen habe ich bei Kindern gemacht – einem Wundermittel gleich! Sie beruhigt, gleicht aus und fördert die Konzentration. Unruhige Kinder (ADS) sind extremen Schwankungen unterworfen: Die Nachtkerze gleicht aus, hilft das ganze System in Ordnung zu bringen. Bei einem meiner Enkelkinder habe ich festgestellt, dass es ausgeglichener ist, wenn es während der Saison jeden Tag einige Blüten isst. Nachtkerzen als Salbe auf dem Solarplexus eingerieben, verhilft zur Beruhigung. Dieses Kraut ist ein absolutes Frauenkraut! Hilft sehr gut während der Wechseljahre, bei allen Unterleibsgeschichten wie Menstruation, Krämpfe, ebenso bei psychischen Schwankungen. Ist beruhigend und ausgleichend.

Man kann die Nachtkerze also auch essen?
Auf jeden Fall! Es ist sogar am besten, wenn sie frisch gegessen wird. Am besten drei pro Tag in den Mund stecken – nicht auseinanderzupfen! –, schmeckt auf diese Weise süss wie Honig. Jeder zusätzliche Arbeitsgang bei einer Pflanze vermindert die Wirkung. Frische Blätter eignen sich für den Salat, getrocknete Blätter und Blüten verwende ich gerne in Teemischungen.