Lassen wir uns einwickeln!

Lange Zeit in Vergessenheit geraten, feiern Wickel und Co. ein Comeback. Wickel gehören zu den alten Hausmitteln, die bereits Sebastian Kneipp im Zusammenhang mit seiner Hydrotherapie mit Erfolg angewendet hat.

Jeder kennt Wadenwickel, die bei hohem Fieber zum Einsatz kommen. Jedoch existiert eine Vielzahl weiterer Wickelrezepte, die auf ihre Wiederentdeckung warten. Brigitte Witzemann aus Reinach in Baselland ist Pflegefachfrau und behandelt ihre vier Kinder mit Erfolg mit Wickeln. Ihr grosses Anliegen ist es, dass der klassische Wickel und damit verbunden sein breites Wirkungsspektrum wieder gesellschaftsfähig wird.

Wie haben Sie den Wickel für sich entdeckt?Wickel
Ich bin schon damit aufgewachsen. Ich erinnere mich, dass ich als Kind an Masern erkrankte und so hohes Fieber bekam, dass meine Mutter regelmässig Essig-Wadenwickel zum Fieber senken auflegte. Im Verlauf dieser heftigen Krankheit bekam ich Probleme mit der Lunge, so dass ich einen Brustwickel mit Senfmehl bekam. Geblieben ist mir auch die Ruhe und Fürsorge meiner Mutter, wie sie liebevoll für mich da war und mich in dieser schweren Zeit begleitet hat. Das Kranksein war für mich und meine Geschwister etwas Besonderes. Wurden wir wieder gesund, war es wie ein Fest.

Sie waren umsorgt?
Genau, es war ein wunderbares Erlebnis. Zudem sagten meine Eltern stets: Wenn du krank bist, wächst du wieder ein Stück.

Also in Zentimetern?
Ja, vielleicht auch in Zentimeter, aber noch viel mehr im Sinne eines Entwicklungssprunges. Wenn man krank ist, geschieht ganz viel im Körper. Es ist wie ein Wunder, dass man wieder gesund werden kann. Dies wurde mir auch bei der Pflege meiner eigenen Kinder deutlich. Und es ist schön, die körpereigenen Heilkräfte unterstützen zu können und nicht nur die Symptome zu bekämpfen.

Machen Sie auch für sich Wickel?
Das musste ich erst wieder lernen. Bei meinen Kindern und bei anderen war dies eine Selbstverständlichkeit. Ich selber kam erst wieder dazu, als ich Kurse gab und die Wickel an mir ausprobierte, um die Technik zu verfeinern. Da spürte ich, wie gut mir das tat und machte mir von da an bei Bedarf selber wieder Wickel.

Wann, zu welchem Zweck?
Zur Entspannung beispielsweise einen Lavendel-Schulterwickel oder während einer Fasten-Kur zur Unterstützung einen Schafgarben-Leberwickel. Als ich ein geschwollenes Knie hatte, legte ich einen kühlenden Lehmwickel mit Mädesüss-Essenz auf.

Was für Material verwenden Sie für einen Wickel?Wickel 2 Witzemann
Wickel bestehen aus einem Aussen-, Zwischen- und Innentuch aus Naturstoffen wie Leinen, Baumwolle, Seide, Wollestoff und Heilwickel-Wolle. Direkt auf die Haut kommt das Innentuch mit der Wirksubstanz. Meistens ist dieses getränkt mit einem Tee, einem Öl oder einer Essenz. Wird eine Salben-, Quark-, Kartoffel- oder eine Lehmkompresse oder aber eine breiige Paste aufgelegt, verwende ich zusätzlich ein Viscosevlies (Windeleinlagen), damit beim Wegnehmen des Wickels nicht alles auf der Haut kleben bleibt und die Substanz besser entsorgt werden kann.

Was ist Heilwickelwolle?
Reine Schafwolle. Sie speichert nicht nur die Wärme besonders gut, sondern kann auch viel Feuchtigkeit aufnehmen und enthält das wertvolle Lanolin. Heilwickelwolle eignet sich bei Gelenksentzündungen oder um bei Babys oder Kleinkindern einen wärmenden Brust- oder Bauchwickel zu machen, zum Beispiel als begleitende Massnahme bei Husten oder Blasenentzündung. Der Vorteil ist, dass Heilwolle mehrfach verwendet werden kann.

Wann setzen Sie Seide ein?
Seide besteht wie die Wolle aus tierischen Eiweissfasern, diese haben den Vorteil, dass Keime wie Bakterien und Pilze kaum einen Nährboden finden. Seide verursacht zudem keine Reizungen der Haut und ist deshalb ideal für Menschen mit einer sehr empfindlichen Haut, zum Beispiel solche, die an Neurodermitis leiden. Wann setzen Sie Wickel ein? Wickel und Auflagen sind enorm wertvoll und können Helfer für Vieles sein. Ob Blähungen, Durchfall, Übelkeit und Schlafstörungen – vieles kann mit Wickeln und Auflagen wirkungsvoll angegangen werden. Die Anwendungspalette ist riesig. Wickel unterstützen den Heilungsprozess auf natürliche Weise.

Wann setzen Sie heisse Wickel ein?
Heisse Wickel fördern die Durchblutung und wirken krampflösend und sind ideal zur Entspannung. Sie werden angewendet bei chronischen Schmerzen mit und ohne muskulären Verspannungen, aber auch bei lokalen Entzündungen, die über das erste akute Stadium hinaus sind und die zur «Reife» gebracht werden sollen, z.B. chronische und abnützungsbedingte Gelenk- und Rückenschmerzen. Sie eignen sich auch bei Folgezustände nach Verletzungen, wie steifen Gelenken oder chronischen Schmerzen und bei Furunkel, Umlauf sowie Stirn- und Kieferhöhlenentzündung.

Und der kalte Wickel?
Er entzieht dem Körper Wärme und wird häufig in Verbindung mit Fieber angewendet, aber auch bei Schmerzen und Entzündungen, wie akuten Gelenkschmerzen, Hexenschuss, Verstauchung, Prellung, oberflächlicher Venenentzündung und akuten Halsschmerzen. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass kalte Wickel auch einen anregenden, wärmenden Effekt haben können, den so genannten Kneipp-Effekt.

Gibt es auch Ausschlusskriterien?
Auf alle Fälle! Bei Verdacht auf eine Blinddarmentzündung auf keinen Fall einen heissen Wickel machen. Bei Babys und Kleinkindern werden grundsätzlich nur warme Wickel verwendet, da kalte oder heisse Wickel einen zu starken Reiz setzen würden.

Warum sind Wickel lange Zeit so in Vergessenheit geraten?
Weil die moderne Medizin mit ihren rasch wirkenden Mitteln, wie zum Beispiel dem Fieberzäpfli oder den Schmerzmitteln, grosse Erfolge feierte – die Wirkung war verblüffend.

Warum aber feiern heute Wickel und Co. solch ein Comeback?
Ganz einfach, weil der Konsument auf die Nebenwirkungen pharmazeutischer Mittel aufmerksam geworden ist und spätestens seit dem Bekanntwerden der zunehmenden Antibiotikaresistenzen, wieder vermehrt auf Alternativen zurückgreift. Zudem werden immer öfter natürliche Heilsubstanzen bevorzugt und die synthetischen Medikamente nur bei Notfällen, Zeitdruck und spezifischen Notwendigkeiten eingesetzt. Vor allem junge Eltern stehen den bewährten Naturheilmethoden offen gegenüber, aber auch die älteren Menschen erinnern sich wieder vermehrt an die Hausmittel von einst.

Was sind Wickel
Zusammen mit den Tüchern werden unterschiedlichste Wirksubstanzen verwendet. Dazu gehören Wasser, Kräuter, ätherische Öle, Quark, Zwiebeln, Zitronen, Essig, Kartoffeln, Schüssler Salze, Heilerde und vieles andere mehr.